Das Zeitalter, das seinen Namen kennt
Epochen bekommen ihre Namen im Nachhinein. Bei der künstlichen Intelligenz ist es umgekehrt: Den Namen des neuen Zeitalters kennen wir von Anfang an, seinen Inhalt noch nicht. Ihn zu verstehen und zu beurteilen ist der Zweck dieser Plattform.
Bild: Gilgamesh / KI-generiert mit MidjourneyKein Mensch, auch nicht Leonardo da Vinci, wusste, dass er in der Renaissance lebte. Leonardo starb 1519. Den Namen, unter dem wir seine Zeit kennen, gab ihr erst das 19. Jahrhundert, mehr als drei Jahrhunderte später. Der Franzose Jules Michelet stellte 1855 einen Band seiner Geschichte Frankreichs unter den Titel »Renaissance«, fünf Jahre danach machte Jacob Burckhardt das Wort mit »Die Cultur der Renaissance in Italien« zum Begriff für eine Epoche.
So geht es mit Epochen in aller Regel. Benannt werden sie im Rückblick, von Historikern, die wissen, wie die Geschichte ausgegangen ist.
Ahnungslos waren Leonardos Zeitgenossen trotzdem nicht. Der Künstler und Biograf Giorgio Vasari schrieb 1550 von einer Wiedergeburt der Künste. Die Erneuerung haben sie gesehen, ein Zeitalter dieses Namens nicht.
Diesmal ist es anders
Bei der künstlichen Intelligenz ist es etwas ganz anderes. Ich habe keinen Zweifel, dass ein neues Zeitalter begonnen hat. Dafür braucht es keine Historiker künftiger Jahrhunderte. Den Namen trägt es schon: das Zeitalter der KI. So nennen es die Zeitgenossen selbst, mitten im Geschehen, allen voran die Technologiebranche.
Dass wir den Namen kennen, heißt allerdings nicht, dass wir wissen, wofür er stehen wird. Ein Anfang verrät wenig über den Verlauf. Den Zeitgenossen der Renaissance fehlte der Name für eine Epoche, deren Inhalt sie vor Augen hatten. Uns geht es umgekehrt.
Der Maßstab
Aus dieser Offenheit erklärt sich der Zweck von gilgamesh.at. Das Leitwort der Plattform heißt Human Centered AI. Künstliche Intelligenz wird danach beurteilt, was sie für Menschen leistet, für jene, die sie entwickeln, und für jene, die mit ihr arbeiten.
Wir sind dabei weder Nörgler noch Fans. Was wir nicht verstanden haben oder nicht überprüfen können, behaupten wir nicht. Das gilt für alles, was hier erscheint, vom wöchentlichen KI-Radar über die Studien bis zu Kommentaren und Gesprächen mit Fachleuten.

Der König, der heimkehrt
Bleibt der Name der Plattform. Gilgamesh, zu Deutsch Gilgamesch, ist der Held einer der ältesten erhaltenen Dichtungen der Welt, König von Uruk und Erbauer seiner Mauer. Nach dem Tod seines Freundes Enkidu sucht er das ewige Leben und findet es nicht. Mit leeren Händen kehrt er heim und fordert seinen Begleiter auf, die Mauer zu besteigen und anzusehen, mit deren Lob das Epos begonnen hat. Unsterblich ist er nicht geworden. Geblieben ist, was er für seine Stadt gebaut hat.
Ich lese das als Geschichte eines Mannes, der über sein Maß hinauswill und zurückfindet. Auch die KI nährt den Wunsch, über menschliche Grenzen hinauszukommen.
Leonardo hat den Namen seiner Epoche nie erfahren. Wir kennen den Namen unserer, bevor sie geschrieben ist.
Wolfgang FranzHerausgeber