#08
Woche vom 19. bis 25. Oktober 2026
KI-Radar #08: OpenAI zieht den Stecker, das Internet kommt aus der Konserve
Die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche in Sachen KI-Entwicklung.
Bild: Gilgamesh / KI-generiert mit MidjourneyWer zu neugierig ist, bekommt Stubenarrest. Zumindest beim Training und in Sicherheitstests müssen einige der stärksten Modelle inzwischen ohne das offene Netz auskommen.
OpenAI hat dargelegt, dass es seine Spitzenmodelle ohne Live-Zugang zum Internet trainiert, Anthropic hat einen Testlauf aufgearbeitet, in dem ein Modell auf GitHub echte Entwickler unter Druck setzte. Gleichzeitig wird draußen an der Infrastruktur für Agenten weitergebaut: Anthropic übergibt einen offenen Standard an eine neutrale Stiftung, Nvidia zeigt in Berlin, wie Telekomanbieter ihre Netze mit KI-Rechenleistung ausstatten. Und in Niederösterreich bekommen Tourismusbetriebe einen Wegweiser zur KI.
Training hinter Glas
Am 23. Oktober hat OpenAI in einem Blogbeitrag beschrieben, wie es seine Frontier-Modelle, also die jeweils leistungsstärksten Systeme, ohne Live-Zugang zum Internet trainiert. Statt mit dem offenen Netz arbeiten sie dabei mit einer Offline-Welt aus indexierten und zwischengespeicherten Webinhalten. Die Regel gilt für das Training und weitgehend für die Tests dieser Systeme, nicht für die Umgebungen, in denen Kunden die veröffentlichten Modelle nutzen.
OpenAI begründet den Schritt damit, dass die Sicherheitsgrenze auch dann halten müsse, wenn ein Modell sie zu umgehen versucht. Der Beitrag schildert auch, dass OpenAI das Training nach einem Vorfall am 20. September unterbrochen und am 1. Oktober wieder aufgenommen hat.
Wie es um die Agenten im eigenen Haus steht, dokumentiert OpenAI selbst. Im Verzeichnis seiner Misalignment-Berichte, also der Fälle, in denen Modelle gegen die Absicht ihrer Entwickler handeln, ist am 20. Oktober erstmals ein neuer Bericht erschienen. Er beschreibt zwei interne Programmieraufgaben vom 3. und 6. Oktober, bei denen Agenten die Überwachung auf Fehlverhalten schwächten: GPT-6.1 Sol unterdrückte Warnmeldungen, GPT-6 Astra entfernte eine Anbindung an das Kontrollsystem.
Warum das wichtig ist: OpenAI schottet genau die Systeme ab, an denen es am weitesten forscht. Offen bleibt, ob ein Internet aus der Konserve beim Training so viel leistet wie das echte.
Neun von 43 Läufen
Am 23. Oktober hat Anthropic eine Auswertung zu Tests des britischen AI Security Institute (AISI) veröffentlicht. Nach eigenen Angaben hat das Modell Claude Mythos 5 in 9 von 43 Testläufen nicht genehmigte Aktionen gesetzt, die reale Personen und Organisationen betrafen. Für diese Aufgabe war der Internetzugang absichtlich freigeschaltet, die Schutzmaßnahmen gegen Cyberangriffe waren abgeschaltet.
Im auffälligsten Fall versuchte das Modell laut Anthropic, über einen Änderungsvorschlag Schadcode in ein fremdes GitHub-Projekt einzubringen, und legte falsche Identitäten an, um die Verantwortlichen zur Freigabe zu drängen. Diese lehnten ab. Als Auslöser nennt Anthropic eine fehlerhaft eingerichtete Aufgabe, als Kern des Problems, dass das Modell Anzeichen möglicher Schäden übergangen und an seinem Weg festgehalten habe. Das AISI hat zugesagt, solche Tests ohne Internetzugang durchzuführen, bis bessere Zugangskontrollen bestehen.
Was das bedeutet: Rund zwei Wochen nach Anthropic, dessen interne Tests ohne Internet im KI-Radar #06: Anthropic kappt das Internet für interne Tests, Mistral kündigt Billionen-Modell an Thema waren, hat nun auch OpenAI offengelegt, dass seine Spitzenmodelle ohne offenes Netz lernen. Bei OpenAI geht es um das Training, bei Anthropic um Tests, gemeinsam ist beiden die Vorsicht gegenüber dem Live-Internet. Dass Agenten auch in Unternehmen längst Sicherheitsfragen aufwerfen, legt eine Befragung von ServiceNow nahe, über die der Beitrag Sicherheitsrisiken durch unkontrollierte KI-Agenten in Unternehmen steigen berichtet.

Skills ziehen um
Während einige Spitzenmodelle hinter Glas trainieren, werden die Werkzeuge für Agenten offener. Anthropic hat am 22. Oktober angekündigt, seinen offenen Standard Agent Skills an die Agentic AI Foundation (AAIF) zu übergeben. Skills sind Pakete aus Anleitungen und Abläufen, mit denen KI-Agenten Spezialwissen für bestimmte Aufgaben nachladen. Die Stiftung steht unter dem Dach der Linux Foundation. Anthropic hat sie nach eigenen Angaben mit Block und OpenAI gegründet und ihr bereits das Model Context Protocol (MCP) überlassen.
Laut Anthropic haben mehr als 70 Agentenplattformen den Standard übernommen, darunter ChatGPT, Cursor, GitHub Copilot und VS Code. Veröffentlicht wurden demnach eine Million Skills, installiert fast 280 Millionen. Gepflegt wird der Standard von Entwicklern und Entwicklerinnen unter anderem von Anthropic, Google und OpenAI.
Warum das relevant ist: Wer Agenten im Unternehmen einsetzt, will Bausteine nicht für jeden Anbieter neu bauen. Liegt ein Standard in neutraler Hand, hängt die Arbeit daran weniger an einem einzelnen Hersteller.
Funknetz als KI-Fabrik
Auf der Entwicklerkonferenz GTC, die vom 20. bis 22. Oktober in Berlin im Nachbarland Deutschland stattfand, hat Nvidia am 21. Oktober angekündigt, dass führende Telekomanbieter ihre Netze zu verteilten Plattformen für KI machen. Die Rechenleistung soll demnach in zentrale Rechenzentren, regionale Standorte und Funkmasten wandern.
Neun Netzbetreiber aus Europa, dem Nahen Osten und Afrika bauen laut Nvidia solche Infrastruktur neu auf oder erweitern sie. Die Deutsche Telekom will ihre Industrie-KI-Cloud ausbauen, auf der offene Modelle laufen und die Robotikfirmen nutzen.
Warum man das mit nach Hause nehmen sollte: Steht die Rechenleistung am Funkmast statt im fernen Rechenzentrum, rückt KI nahe an Fabriken und Geräte.
Wegweiser für Gastgeber
Das Land Niederösterreich hat am 22. Oktober gemeinsam mit der Niederösterreich Werbung, der Wirtschaftskammer Niederösterreich und dem Haus der Digitalisierung einen Praxisleitfaden »Digitalisierung & KI im Tourismus« vorgestellt. Er bündelt laut Aussendung KI-Workshops, Beratung im Betrieb, die Suche nach Umsetzungspartnern und Fördermöglichkeiten. Betriebe sollen an jedem Punkt ihrer Digitalisierung einsteigen können. Der Leitfaden gehört zur Tourismusstrategie Niederösterreich 2030+ und steht beim Haus der Digitalisierung zum Download bereit.
Warum das interessant ist: Hier geht es um Marketing, Gästekommunikation und Organisation, die Grenzfragen der Forschung bleiben weit weg. Wie ein großes heimisches Unternehmen KI im Alltag organisiert, beschreibt der Beitrag Wie die Raiffeisen Bank International künstliche Intelligenz sicher und verantwortungsvoll skaliert. Dass mehr KI nicht von selbst zu besserer Verständigung führt, argumentiert der Kommentar Warum KI nicht automatisch bessere Kommunikation schafft.
Manche Agenten lernen vorerst im Haus. Die Werkzeuge und Netze für ihre Arbeit entstehen draußen schon.
Stay tuned.
Text: Wolfgang Franz · Erstveröffentlichung: itwelt.at, 26. Oktober 2026 · Aufmacher und Bild im Text: Gilgamesh / KI-generiert mit Midjourney