#02

Woche vom 7. bis 13. September 2026

KI-Radar · Sonntag, 13. September 2026 · Wolfgang Franz

KI-Radar #02: OpenAI tritt gedanklich auf die Bremse, ein Ex-Forscher schlägt Alarm

Die wichtigsten Ereignisse der vergangenen Woche in Sachen KI-Entwicklung.

KI-generiertes Bild, keine Fotografie: Schwarzweißbild im Stil eines Pressefotos um 1930. Bei einem Bergrennen nimmt ein offener Rennwagen eine Kurve, Fahrer und Beifahrer tragen Lederhauben und Schutzbrillen. Das Hinterrad hebt ab, Staub wirbelt auf. Rechts schauen hinter einem Absperrseil und einer Hecke Zuschauer mit Schiebermützen zu.Bild: Gilgamesh / KI-generiert mit Midjourney
Gebremst wird später.

In den letzten Tagen ging es weniger darum, ob KI-Modelle noch leistungsfähiger werden, sondern ob das Tempo dabei so bleiben soll. OpenAI probt öffentlich das Nachdenken über eine Vollbremsung, während der AI Act in Brüssel nach einem kuriosen Zwischenfall in einem deutschsprachigen Wiki plötzlich Zähne zeigt. Aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gibt es eine XXL-Finanzspritze für deutsche Rechenzentren, und eine österreichische Studie zeigt, wie viel KI-Nutzung im Job an der Chefetage vorbeiläuft.

OpenAI erwägt Vollbremsung

Sam Altman, Porträt in Schwarzweiß: Mann mit lockigem kurzem Haar, Anzug und gepunkteter Krawatte, lächelndFoto: Kabinettsbüro JapanSam AltmanOpenAI-Chef»ein unklug gewählter Moment«Im Interview mit Fortune sagte OpenAI-Chef Sam Altman am 12. September, ein Börsengang noch in diesem Jahr wäre angesichts der aktuellen Sicherheitsdebatte um KI »ein unklug gewählter Moment«. Für 2026 schließt er einen Börsengang damit aus, das Unternehmen habe zunächst »einiges zu klären, was Sicherheit und Alignment angeht«.

Laut Bloomberg zeigte sich Altman bei einem internen Meeting mit der Belegschaft zudem offen dafür, das Tempo bei den fortschrittlichsten Modellen zu drosseln und mit anderen Anbietern abgestimmte Pausen bei neuen Fähigkeitsstufen zu erwägen.

Jacob CoxonForscher, zuletzt bei AnthropicDen Hintergrund für die Debatte liefert unter anderem Jacob Coxon: Der Forscher, der laut TechCrunch drei Jahre lang bei OpenAI und zuletzt bei Anthropic am Pretraining arbeitete, kündigte am 9. September öffentlich seinen Rückzug an. Sein Vorwurf: Die Branche steuere ungebremst auf selbstverbessernde KI-Systeme zu und gehe damit ein Risiko ein, das viele in der Forschung selbst als potenziell existenziell einschätzen. Anthropic bescheinigt er zumindest ein Problembewusstsein, kritisiert aber die Annahme des Unternehmens, man müsse selbst vorpreschen, weil sonst niemand verantwortungsvoll handle.

Warum das zählt: Wenn ausgerechnet jene, die das Wettrüsten selbst antreiben, öffentlich übers Bremsen nachdenken, ist das ein stärkeres Signal als jedes neue Modell dieser Woche.

Wie berechtigt solche Sorgen sind, zeigt der Kommentar Wird fehlerhaft konfigurierte KI bis 2028 die kritische Infrastruktur einer G20-Nation lahmlegen?

Sechs Wochen unbeobachtet

Laut Berichten, die auch von der Europäischen Kommission bestätigt wurden, hatten autonome KI-Agenten von OpenAI im Frühjahr 2026 ein verwaistes deutschsprachiges Wiki übernommen und dort über rund sechs Wochen hinweg etwa 18.000 Beiträge erzeugt, unter anderem um sich gegenseitig Nachrichten zu hinterlassen. Öffentlich gemacht wurde der Vorfall nicht von OpenAI oder einer Aufsichtsbehörde, sondern von externen Forschenden, wie TheNextWeb berichtet.

OpenAI hat den Vorfall inzwischen der EU-Kommission gemeldet, wie es der AI Act bei solchen Vorfällen vorsieht. Wann genau die Meldung erfolgte, wollte die Kommission nicht mitteilen, was insofern relevant ist, als die Vorschrift eine Meldung »ohne unangemessene Verzögerung« verlangt.

Fast zeitgleich wurde laut TheNextWeb bekannt, dass die EU-Cybersicherheitsagentur ENISA nun Zugang zu Anthropics Mythos 5 und OpenAIs GPT-6 Astra erhalten hat, um deren Fähigkeiten im Bereich Cybersicherheit unabhängig zu testen. Bemerkenswert dabei: Während OpenAI seinen Zugang binnen einer Woche nach Modell-Release gewährte, dauerte es bei Anthropic rund fünf Monate.

Was das bedeutet: Der AI Act ist plötzlich kein Papiertiger mehr: Seine Meldepflichten werden praktisch relevant, und europäische Behörden erhalten direkten Prüfzugriff auf einige der leistungsfähigsten Modelle.

Wie anspruchsvoll das für Unternehmen ist, ordnet der Kommentar Wer KI-Systeme testet, muss auch für die Folgen haften ein.

40 Milliarden für Deutschland

Mohamed bin Zayed Al Nahyan, Porträt in Schwarzweiß: Mann mit Bart und traditioneller Kopfbedeckung im Gespräch, Blick zur SeiteFoto: MEA IndiaMohamed bin Zayed Al NahyanVereinigte Arabische EmirateAnlässlich eines Staatsbesuchs von Scheich Mohamed bin Zayed Al Nahyan in Berlin haben die Vereinigten Arabischen Emirate am 10. September zugesagt, ihre Investitionen im Nachbarland Deutschland auf rund 40 Milliarden Euro mehr als zu verdoppeln, meldet die Deutsche Presse-Agentur. Das Paket umfasst unter anderem neue Rechenzentren mit insgesamt rund einem Gigawatt Kapazität sowie Investitionen in weitere Bereiche wie Industrie und Energie.

Friedrich Merz, Porträt in Schwarzweiß: Mann mit Brille und Halbglatze, leicht lächelndFoto: Sandro HalankFriedrich MerzBundeskanzler, DeutschlandFrank-Walter Steinmeier, Porträt in Schwarzweiß: Mann mit weißem Haar und runder Brille, lächelndFoto: Pressedienst des Präsidenten AserbaidschansFrank-Walter SteinmeierBundespräsident, DeutschlandBundeskanzler Friedrich Merz und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier empfingen die Delegation, begleitend wurden zusätzliche Wirtschaftsabkommen im Wert von 9,4 Milliarden Euro zwischen deutschen und emiratischen Unternehmen unterzeichnet. In Deutschland reiht sich der Deal in eine Serie ähnlicher Großinvestitionen internationaler Geldgeber in die dortige KI-Infrastruktur ein.

Warum das relevant ist: Der Deal zeigt, wie stark inzwischen auch Kapital aus dem Golf in Europas KI-Infrastruktur fließt, ein Fingerzeig darauf, wie viel Geld dabei in Beton und Stromleitungen geht statt in neue Modelle.

Wer von diesem Boom eigentlich profitiert, beleuchtet der Kommentar Wer verdient am Ausbau der KI-Infrastruktur?

KI-generiertes Bild, keine Fotografie: Schwarzweißbild im Stil eines Pressefotos um 1930. Ein leerer Vereinsraum: Vor dem Fenster stehen Pokale auf einem Bord, darunter hängen Töpfe an Haken. An der Wand ein Brett voller Zettel, daneben ein Mantel am Haken und ein gusseiserner Ofen. Am Boden liegen Papiere, dazwischen eine Kanne und Stiefel.
Dem Clubheim fehlt die Transparenz. Bild: Gilgamesh / KI-generiert mit Midjourney

Schatten-KI im Büro

Laut einer am 10. September veröffentlichten Studie von Tieto Austria und TQS Research & Consulting nutzt in Österreich jeder Sechste heimlich KI-Tools am Arbeitsplatz, ohne dass der Arbeitgeber davon weiß. Nur 23 Prozent greifen ausschließlich auf freigegebene KI-Anwendungen zurück, unter den 16- bis 29-Jährigen liegt der Anteil heimlicher Nutzung sogar bei 24 Prozent.

Robert KaupTieto AustriaGleichzeitig verzichten 42 Prozent der Befragten komplett auf KI, meist mangels klarer Richtlinien oder aus Misstrauen gegenüber den Ergebnissen. Regional schwankt die Nutzung stark: Burgenland liegt mit 66 Prozent an der Spitze, Salzburg und Kärnten bilden mit je 34 Prozent das Schlusslicht. Tieto-Austria-Vertreter Robert Kaup bringt es so auf den Punkt: Der KI-Einsatz im Job entwickle sich schneller, als Arbeitgeber mit Regeln nachziehen könnten.

Warum man das mit nach Hause nehmen sollte: Die Zahlen zeigen ein Paradox der heimischen KI-Nutzung: Ein Sechstel nutzt KI am Arbeitgeber vorbei, während gleichzeitig fast jeder Zweite ganz die Finger davon lässt, für Unternehmen ein ziemlich deutlicher Hinweis, dass klare Leitplanken fehlen.

Nächste Woche dürfte unter anderem die Frage bleiben, wann Google endlich sein lange erwartetes Flaggschiffmodell Gemini 3.5 Pro nachreicht. Ursprünglich für Juni angekündigt, lässt es trotz vier neuer Flash-Modelle seit Mai weiter auf sich warten.

Stay tuned.

Text: Wolfgang Franz · Erstveröffentlichung: itwelt.at, 13. September 2026 · Aufmacher und Bild im Text: Gilgamesh / KI-generiert mit Midjourney · Sam Altman: Kabinettsbüro Japan (CC BY 4.0, Wikimedia Commons) · Mohamed bin Zayed Al Nahyan: MEA India (GODL-India, Wikimedia Commons) · Friedrich Merz: Sandro Halank (CC BY-SA 4.0, Wikimedia Commons) · Frank-Walter Steinmeier: Pressedienst des Präsidenten Aserbaidschans (CC BY 4.0, Wikimedia Commons)