Aus transform! 03/2026 · ITW Verlag

transform! · Ausgabe 03/2026 · Use CaseDigitalisierte Genealogie · Folge 1

Ahnenforschung · Plattformen · DNA · Archive · Handschriften

Es lebe der Zentralfriedhof

Erst die Digitalisierung, jetzt die künstliche Intelligenz: Nie war Familienforschung so zugänglich, und selten lagen Treffer und Irrtum so nah beieinander. Zum Auftakt unserer Serie: welche Werkzeuge es gibt, wo sie scheitern und was sie kosten.

Text: Wolfgang Franz

Historisches Familienfoto aus einem norwegischen Archiv: eine Familie mit Kindern posiert im Freien für ein formelles Porträt
Foto: Fylkesarkivet i Vestland / Unsplash

Die Ahnenforschung hat mit der Digitalisierung einen gewaltigen Aufschwung erlebt. Wofür man früher in Pfarrkanzleien, Archive und Bibliotheken pilgerte, das steht heute zu Millionen Seiten online. Damit hat sich das Problem verschoben: Einst scheiterten viele schon am Zugang zu den Quellen, heute eher daran, aus einer Flut von Scans, Treffern und fremden Stammbäumen die richtigen Zusammenhänge herauszulesen. Mit der künstlichen Intelligenz kommt der nächste Schub. Lernende Systeme entziffern Handschriften, vor denen Laien bisher kapitulierten. Zugleich lässt sich aus ungesicherten Hinweisen schneller denn je eine scheinbar stimmige Familiengeschichte bauen. Wer heute nach den eigenen Vorfahren sucht, hat es damit leichter als jede Generation zuvor und zugleich schwerer: Das Angebot ist unübersichtlich, Abos gehen rasch ins Geld, und die Maschinen präsentieren ihre Fehler mit großer Selbstsicherheit.

Diese Serie soll Orientierung geben. Eine Offenlegung vorweg: Der Autor setzt die Werkzeuge selbst in einem eigenen Forschungsprojekt ein. Die Serie beruht also auf Praxis, nicht auf Prospekten.

01 · Online · zahlen

Die großen Plattformen

Den Markt prägen drei Namen. Ancestry aus den USA wirbt auf ancestry.de mit über 700 Millionen deutschsprachigen und über 30 Milliarden internationalen Aufzeichnungen. Wer dort einen Stammbaum anlegt, bekommt laufend Hinweise auf mögliche Treffer, etwa in Passagierlisten oder fremden Stammbäumen.

Solche automatischen Abgleiche gibt es seit Jahren, mit den neuen Sprachmodellen haben sie wenig zu tun. »Deutschland Premium« kostet, Stand Oktober 2026, 9,99 Euro im Monat oder 39 Euro für ein halbes Jahr, »International Deluxe« 22,99 Euro beziehungsweise 59 Euro. Sinnvoll ist das vor allem, wenn Familienzweige ausgewandert sind oder, wenig überraschend, in Deutschland lebten.

MyHeritage aus Israel nennt 41,1 Milliarden Datensätze. Vergleichen lassen sich solche Milliardenwerte nur bedingt: Was als Eintrag zählt, legt jeder Anbieter selbst fest, und viele Bestände überschneiden sich. Ein Baum mit bis zu 250 Personen ist gratis, das Komplett-Abo kostet 199 Euro im ersten und 329 Euro in jedem weiteren Jahr, jeweils zuzüglich Mehrwertsteuer. Bekannt ist MyHeritage für seine KI-Fotowerkzeuge: Sie färben Schwarz-Weiß-Bilder ein, schärfen verwaschene Porträts nach, und die Funktion »Deep Nostalgia« lässt Gesichter auf alten Fotos blinzeln und lächeln. Das rührt viele Menschen, ist aber eine Animation und keine Quelle.

FamilySearch, betrieben von der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage, kostet nichts, verlangt aber ein Konto. Nach eigenen Angaben liest die Plattform mit generativer KI historische Handschriften und macht so Milliarden Seiten im Wortlaut durchsuchbar. Für den Einstieg ist sie die naheliegende erste Adresse.

02 · Erbgut

DNA-Tests: Verwandte statt Urkunden

Einen anderen Zugang bietet die genetische Genealogie. Nach Speichelprobe und einigen Wochen Geduld zeigen AncestryDNA oder MyHeritage DNA, mit wem man Erbgut teilt, samt geschätztem Verwandtschaftsgrad. Bei Redaktionsschluss kosteten die Kits 49 beziehungsweise 29 Euro im Angebot. Vorsicht: Bei MyHeritage hängt am Kit oft eine Testphase, die ohne Kündigung ins Jahresabo münden kann.

DNA findet lebende Verwandte, sofern diese beim selben Anbieter getestet haben. Was sie nicht liefert, ist der Nachweis, über wen die Verwandtschaft läuft. Namen erscheinen nur, wenn andere einen Stammbaum hinterlegt haben, und der ist so gut wie sein Urheber. Die Herkunftsanalyse in Prozent ist eine statistische Schätzung, keine Urkunde. Und wer seine DNA hergibt, gibt auch Daten seiner Verwandtschaft preis. Ein Test lohnt sich eher, wenn die Papierspur abreißt, als zum Einstieg.

03 · Online · gratis

Österreichs eigene Schätze

Für Österreich führt kein Weg an heimischen Quellen vorbei, und die sind großteils gratis.

Matricula, 2009 vom Diözesanarchiv St. Pölten gestartet und heute vom Wiener Archivnetzwerk ICARUS getragen, stellt Kirchenbücher aus nahezu allen katholischen Diözesen des Landes online, dazu Bestände aus Deutschland, Polen und Slowenien. Die Betreiber sprachen 2024 von mehr als 60 Millionen Scans. Der Haken: Es sind eben nur Bilder. Eine Namenssuche gibt es nicht, man blättert Seite für Seite.

Hier helfen Indizes von Ehrenamtlichen. Gen-Team, gratis nach Registrierung, umfasst mehr als 23 Millionen Einträge. Der Verein Familia Austria bietet seinen Mitgliedern für 42 Euro im Jahr weitere Datenbanken und Rat bei kniffligen Fällen.

Die Nationalbibliothek hat mit ANNO einen virtuellen Zeitungslesesaal aufgebaut: 28 Millionen Seiten, kostenlos und ohne Anmeldung. Wer wissen will, wer wo wohnte, greift zum Lehmann: Die Wienbibliothek hat die Wiener Adressbücher von 1859 bis 1942 digitalisiert und per Texterkennung durchsuchbar gemacht. Dazu kommen die Archivinformationssysteme der Landes- und Staatsarchive. Sie verraten, welche Akten es gibt und wo sie liegen, zeigen aber selten die Dokumente selbst.

04 · Schrift

Maschinen, die Kurrent lesen

Bleibt die Schrift. Nicht alles, was automatisch geschieht, ist künstliche Intelligenz im heutigen Sinn. Die Texterkennung (OCR) für gedruckte Fraktur, auf der ANNO und Lehmann beruhen, ist deutlich älter als die generative KI. Für Handschriften gibt es lernende Systeme, die anhand von Beispielseiten trainiert werden. Bekanntestes Werkzeug ist Transkribus, entwickelt an der Universität Innsbruck. Es liest Kurrent, Sütterlin und viele weitere Schreibstile. 50 Seiten im Monat sind gratis, der Tarif »Scholar« kostet 99 Euro im Jahr.

Eine alte Familienfotografie in einem kleinen Etui mit goldenem Rahmen, auf einem weißen Tuch
Viele Familienfotos haben auf der Rückseite keine Notiz. Ohne Quellen bleibt die Zuordnung oft nur eine Vermutung. · Foto: Mick Haupt / Unsplash

05 · Lücken

Wo es hakt

So eindrucksvoll die Zahlen sind: Ein großer Teil der Überlieferung ist noch gar nicht online. Viele Bestände liegen nur im Lesesaal, viele sind gescannt, aber nicht durchsuchbar.

Auch die Texterkennung bei Fraktur ist weniger zuverlässig, als die Suchmaske vermuten lässt. Sie verwechselt das lange ſ mit dem f, n mit c oder ü mit ii, aus »Waſſer« wird »Waffer«. Besonders schlimm trifft es Zeitungen aus Kriegs- und Nachkriegsjahren auf billigem Papier. Eine Suche findet daher oft nur einen Teil der Treffer. Wer leer ausgeht, sollte es mit Schreibvarianten, Wortteilen oder dem Blättern nach Datum versuchen, statt daraus zu schließen, dass es nichts gibt.

Bei Handschriften kommt ein menschliches Problem dazu. Die Zahl jener Menschen, die Kurrent beherrschen wird immer kleiner. Daher gibt es auch immer weniger Experten und Expertinnen, die das Ergebnis der Maschine überprüfen. Die KI hilft enorm, fehlerfrei ist sie nicht. Ausgerechnet bei Namen und Orten liegt sie gern daneben. Jede Lesung gehört deshalb mit dem Original abgeglichen. Am heikelsten ist die Frage, wer eigentlich wer ist. Einen Johann Huber gab es in vielen Pfarren mehrfach, Väter und Söhne trugen denselben Vornamen, Witwer heirateten erneut. Automatische Hinweise klingen in solchen Fällen oft überzeugender, als sie sind, und ein falsch verknüpfter Ast wandert munter von Stammbaum zu Stammbaum. Faustregel: Ein Hinweis ist ein Vorschlag, erst die Quelle ist ein Beleg. Auch scheinbar vollständige Verzeichnisse haben Lücken. Der Lehmann etwa verzeichnete in der Monarchie bloß die Haushaltsvorstände, nach Angaben des ORF nur 13 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Ehefrauen, Kinder und Dienstboten fehlen.

»Ein Hinweis ist ein Vorschlag, erst die Quelle ist ein Beleg.«

Aus dem Beitrag – Faustregel für die Familienforschung mit KI

Selbst ein richtig gelesener Eintrag ist nicht automatisch die Wahrheit. Altersangaben sind oft nur ungefähr, Namen wechseln die Schreibweise, manches Verhältnis wurde bewusst verschleiert. Das ist keine Schwäche der Digitalisierung, sondern eine Eigenschaft historischer Quellen. Die KI erleichtert es, sie zu finden und zu lesen. Ob stimmt, was darin steht, bleibt Sache des Menschen.

Und dann ist da noch das Geld. Vieles ist gratis, von Matricula über ANNO bis GenTeam. Die großen Plattformen, Vereinsdatenbanken und bessere Erkennungsmodelle kosten dagegen jährlich. Wer alles gleichzeitig abonniert, zahlt schnell mehrere Hundert Euro im Jahr. Klüger ist es, mit den kostenlosen Angeboten und den Dokumenten aus der eigenen Lade zu beginnen und erst dann zu zahlen, wenn klar ist, wofür.

06 · Ausblick

Was die Serie bringt

In den kommenden Folgen geht es um Grundsätzliches: Wie geht man mit alten Quellen um? Wo sucht man was? Wie liest man Schriften, die kaum noch jemand beherrscht? Und woran erkennt man, ob ein Fund trägt oder nur gut klingt? Die Toten haben Zeit. Wer sie sucht, sollte sich auch welche nehmen.